Vor ca. 3 Jahren hat Vodafone das Vodafone Enterprise Plenum (VEP) ins Leben gerufen. Das ist ein Netzwerk von Geschäftskunden, das sich mit neuen Themen beschäftigt, Themen, die Vodafone für interessant hält. Als Mitglied wird man eingeladen zu diversen Events im Workshop-Stil, auf denen Experten zu einem der o.g. Stichworte ihre Sicht und Business-Entwicklung vorstellen. Diese Präsentationen werden dann im Kreis der teilnehmenden VEP-Mitglieder (meist so 20 bis 30 Personen) diskutiert.
Für die Referenten ist das interessant aus Marketing- und Akquise-Gründen, außerdem erhalten sie so unmittelbar Feedback zu ihren Plänen und Produkt-Ideen. Für die Teilnehmer ist es ein Blick über den Tellerrand des eigenen Unternehmens. Oft werden Themen behandelt, die eher „in der Luft“ als im Kern der eigenen Regelaktivitäten liegen. 2012 war zum Beispiel „Social Media“ die Überschrift einer gute besuchten Workshop-Reihe, in 2013 etwa das Thema „Big Data“. Die Workshops öffnen den Horizont, geben neue Anregungen und schaffen neue Kontakte.
Natürlich versäumt Vodafone nicht, die eigenen Angebote und Pläne zum jeweiligen Thema ebenfalls vorzustellen, aber das ist nicht aufdringlich und steht keinesfalls im Vordergrund. Diese Beiträge sind zudem meist ans Ende der Veranstaltung gelegt – man kann also vorher gehen.
Am 31.1. war nun der Start-Up-Day-2014, in Berlin im Otto-Bock-Haus, nahe Reichstag und Brandenburger Tor.
Insgesamt stellten sich 8 Unternehmen vor, nicht nur echte Start-Ups, sondern z.B. auch Venture-Capital-Börsen für Neugründer. Zwischen den Präsentationen ergab sich viel Raum für gegenseitigen Austausch und Vertiefungen.
Einige Eindrücke aus diesen Gesprächen wie auch aus den Präsentationen zur generellen Start-Up Situation in D stelle ich hier vor. Es sind Aspekte oder Aussagen, die mir auffielen, mich zum Teil überraschten. Ob alles genau so stimmt? Es klang nicht unplausibel, doch Sie können das gerne kommentieren!
- Wir leben in “Start-Up-Zeiten”. Jeden Tag muss man als Unternehmer neue Ideen suchen, finden, haben, fördern, aufsaugen, integrieren. Wer stehen bleibt, fällt zurück. Das war schon vor 5 und auch 15 Jahren so, doch der Druck nimmt stetig zu. Und Deutschland ist dabei, den Anschluss zu verlieren.
- Einhellige Meinung: in D herrscht zu viel Bedenkenträgertum, die Begeisterungs-Kultur der Amerikaner und Neugier auf Zukünftiges geht uns ab. Dabei sind Geld wie auch Investitionsbereitschaft hier durchaus vorhanden. Angeblich haben private deutsche „Investoren“ in 2013 zwar 600Mio € in eine Wette auf die Lebenserwartung von 10 Amerikaner investiert (wie verrückt ist das denn?), aber die Unterstützung von Start-Ups mit privatem Venture Capital ist schwach und hier gesellschaftlich nicht etabliert.
- Sich an neuen Unternehmen zu beteiligen, bedeutet dabei nicht nur finanzielle Chancen wahrzunehmen – inklusive der Risiken. Ziemlich sicher ist, dass Unternehmen, die sich an Start-Ups beteiligen und deren Vertreter in ihre Planungszirkel und -prozesse integrieren, Zugang zu vielen neuen Ideen und Sichtweisen bekommen. Sich zu beteiligen ist also fachlich lehrreich für die Investoren – und diese Rendite ist ziemlich sicher.
- Deutsche Regierungen und ihnen nahe Organisationen und Stiftungen haben die heimische Finanzierungslücke bzgl. Start-Up Venture Capital erkannt. (Semi-)öffentliche Mittel gibt es nun in ausreichendem Umfang, Geld ist aktuell, so sieht es aus, nicht das Problem der Start-Ups. Wo allerdings der neue Verkehrs- und Digitale Infrastruktur-Minister konkret hin will, war Vielen noch unklar. Werden seine Initiativen und Mittel demnächst zu 90% in Bayern landen? Da hörte man Sorgen.
- Aktuell feiert sich die Berliner Gründer-Szene jedenfalls, eine Community, die zwar so in der Republik recht unique ist – die aber gemessen am US-amerikanischen Valley, aber auch an der Zukunftsneugier in UK wohl eher in die Rubrik Kinderfasching gehört. Die Venture Capital Welt schaut durchaus auf Europa – aber an Deutschland schaut sie dabei (noch?) vorbei.
- So, wie „klassische Unternehmen“ in D sich noch immer mit der Nutzung des Web2.0 und mit Social Media schwer tun (wieder wurde von einigen alten Hasen im Auditorium das schöne Argument vorgetragen: wozu muss ich via Twitter erfahren, wer wann aufs Klo geht?), so tun sich Start-Ups oft mit der Nutzung der klassischen Kommunikations-Medien schwer, die ja immer noch einen dominanten Anteil am Werbekuchen haben. Auf Twitter und G+ sind sie gut vertreten und penetriert, ihre Blogs haben viele Backlinks. Aber in Print, Radio und TV bzw. in den etablierten Fachmedien finden sie nicht statt – das wäre ja die verachtete “old-school”. Ecce: Web2.0 schützt vor Denkblockaden nicht!
Fazit (das so von niemand formuliert wurde):
Start-Ups sind sexy, aber die Deutschen sind noch zu prüde, um ihr Potenzial wirklich zu wertschätzen.
Was ist Ihr Eindruck hierzu? Sie sehen das anders? Genauso? Wir freuen uns über jeden Kommentar.
“wozu muss ich via Twitter erfahren, wer wann aufs Klo geht?”
Das ist teilweise interessanter als was von Unternehmen via Facebook kommuniziert wird. Entschuldigen Sie meinen Sarkasmus. Twitters Stellenwert als schnellstes, globales, offenes und vielfältigstes Informationsmedium werde ich nicht müde zu betonen. In den USA ist das @-Zeichen zum Telefonbuchersatz avanciert. Außerdem liegen 75% der Twitternutzer außerhalb der USA.
“so tun sich Start-Ups oft mit der Nutzung der klassischen Kommunikations-Medien schwer, die ja immer noch einen dominanten Anteil am Werbekuchen haben”
- sicherlich auch eine Budgetfrage bei TV und Radio
“(Semi-)öffentliche Mittel gibt es nun in ausreichendem Umfang, Geld ist aktuell, so sieht es aus, nicht das Problem der Start-Ups.”
- Auf die Seed-Finanzierung mag das zutreffen. Für größere Finanzierungsrunden nicht.
“Kinderfasching”
Hallo Torsten, da hab ich mich wohl missverständlich ausgedrückt: das Klo-Zitat war sarkastisch, ich lese sowas nirgendwo, aber von irgendwelchen Gestrigen werden solche Beispiele immer angeführt als Ignoranz-Alibi, ich kanns nicht mehr hören.
Anderes gesagt: ich bin da also ganz Ihrer Meinung.
Zu den anderen Punkten: danke für die differenzierte Sicht, schafft ein etwas besser balanciertes Bild.
Klassische Medien und Budget – sicher, aber es gibt durchaus günstige b2b-Fachmedien, die in einigen Branchen noch einen großen Kreis der Zielgruppe recht exklusiv beschallen – gerade im Bereich Handwerk (Elektro, Spengler, Lackierer…).
Viele Grüße, Peter Apel